Nahaufnahme einer Pflasterstraße

Langbehnstraße

Langbehnstraße


von Manfred Lerch, Stadtheimatpfleger

Benannt ist die Straße nach dem Kulturkritiker und Schriftsteller Julius August Langbehn (1851-1907), der in den späten 1890er Jahren als „Rembrandtdeutscher“ in aller Munde war, heute jedoch schlichtweg vergessen ist. Sie zweigt an der äußeren Alzgerner Straße nordwestlich ab und erschließt das in den 70er Jahren erbaute Wohnviertel. Eigentlich hätte die Langbehnstraße besser nach Altötting-Süd gepasst; denn Julius Langbehn verbrachte im Sommer 1906 einige Wochen zur Erholung in „Fünfhausen“, wie dieser Ortsteil früher im Volksmund hieß. Als Zimmerherr hatte er sich dort im Kramerladen bei den Schwestern Eibelsgruber am Anfang des heutigen Hüttenberger Weges 3 einquartiert. Wegen seiner auffallenden Gesichtsblässe und dem rotblonden Vollbart galt das kontaktscheue „Nordlicht“ bei den Einheimischen als wahrer Sonderling. Die Kramer-Dirndln hielten ihn für einen beurlaubten Offizier und bewunderten seine Gescheitheit und Frömmigkeit. „A heilig’s Lebn hat er g’führt, dös hat ma scho kennt. Er hat so verborgen sein wollen.“ 

Gedenktafel Julius Langbehn Altötting

Wer aber war der mysteriöse Zimmerherr? Das erfuhr man erst später, als Pfarrer Karl Vogl in den 30er Jahren eine Bronzetafel am Kramerhaus anbringen ließ. Sie zeigt Langbehns Bildnis und trägt die Inschrift: Julius Langbehn, der Rembrandtdeutsche wohnte im letzten Sommer seines Lebens 1906 in diesem Hause. „Auch er war die Stimme eines Rufenden in der Wüste“ (Bischof von Keppler).

Alte Ansicht auf ein Haus in der Langbehnstraße Altötting

Geboren am 26. März 1851 im niedersächsischen Hadersleben als 3. Kind eines Lehrers und einer Pastorentochter besuchte Langbehn das Gymnasium und 1869 die Universität Kiel. Das ursprüngliche Studium der Philologie und der Naturwissenschaft unterbrach er 1870/71 wegen seiner Teilnahme am 
Deutsch-französischen Krieg als Freiwilliger. Anschließend studierte er Kunstgeschichte und Archäologie. 1875 wechselte er an die Universität München, wo er fünf Jahre später mit einer Arbeit über die „Flügelgestalten der ältesten griechischen Kunst“ promovierte. Dafür wurde ihm ein Stipendium des Deutschen Archäologischen Instituts zuerkannt, mit dem er den Mittelmeerraum bereisen konnte. Danach führte er ein unstetes Leben mit wechselnden Arbeitsstellen und Wohnsitzen. Dabei machte er Bekanntschaft mit den damals renommierten Malern Wilhelm Leibl, Hans Thoma und Karl Haider, die ihn allesamt porträtierten. 1900 konvertierte Langbehn zum katholischen Glauben, beeinflusst durch den späteren Bischof von Rottenburg, Paul Wilhelm von Keppler und seinen Freund und Biograph Momme Nissen (1870-1943). 

1890 erschien sein größtes Werk „Rembrandt als Erzieher - Von einem Deutschen“, das innerhalb von zwei Jahren die 39. Auflage erlebte und bei einem Ladenpreis von nur zwei Reichsmark in fast allen Bücherschränken des deutschen Bildungsbürgertums zu finden war. Enttäuscht darüber, dass die Reichsgründung 1871 den erwarteten geistigen Aufschwung nicht brachte, sondern zum seelenlosen Materialismus degenerierte, beschwor Langbehn, sich auf die schöpferischen Kräfte tiefer Herzensbildung zu besinnen. Als mystisch-romantischen Gegenpol zur verhassten Moderne setzte Langbehn den Typus des Niederdeutschen, verkörpert durch den Maler Rembrandt. Aus seinem Geiste sollte eine völkische Wiedergeburt durch die Kunst erfolgen. Erst in einer späteren Auflage gab sein Biograph Momme Nissen die wahre Identität des Buchautors preis: „Der Rembrandtdeutsche“ war Julius Langbehn!

Am 30. April 1907 starb Julius Langbehn in Rosenheim an einem Magenkrebsleiden und liegt nach seinem Wunsch im Schatten der 1000-jährigen Edigna-Linde zu Puch bei Fürstenfeldbruck begraben.


(Fotos: Stadtarchiv)