Nahaufnahme einer Pflasterstraße

Reischlstraße

Reischlstraße

von Manfred Lerch, Stadtheimatpfleger

Sie zweigt von der inneren Trostberger Straße nach Osten ab. Bis zum Bau der Bahnhofstraße in den 1960er Jahren endete sie nach rund 100 Metern als Sackgasse. Ursprünglich sollte sie bis zur Einmündung in die Schlotthamer Straße fortgeführt werden, was aber seit der Errichtung der Kreissparkasse nicht mehr realisiert werden konnte. 

Benannt wurde die Straße laut Gemeindebeschluss vom Jahre 1899 nach dem Schlossermeister, Waagenfabrikanten und Bauunternehmer Johann Reischl (1839 - 1911) für seine großen Verdienste. Der gebürtige Tittmoninger zog in jungen Jahren an den Wallfahrtsort und bekam hier auf Antrag das Heimatrecht verliehen. 1866 war er Gründungsmitglied der Freiwilligen Feuerwehr Altötting.

Bild von Johann Reischl

Im Jahre 1870 erwarben die Eheleute Johann und Martha Reischl, geb. Hanovsky, das seit dem grässlichen Dreifachmord des Ehepaars Kammermeier und ihrer Pflegetochter vom 14. Dezember 1868 verrufene, leerstehende Haus, jetzt Neuöttinger Straße 20, und richteten darin eine Schlosserwerkstatt ein, die sich auf die Fabrikation von Dezimalwaagen spezialisierte. Grundlage dafür war die am 1. Januar 1872 in Kraft getretene Reform der Maße und Gewichte. Diese regte eine starke Nachfrage nach Waagen in Handel und Gewerbe an. Sie bescherte Schlossermeister Reischl hohe Gewinne. Seine bisherige Hunde-Maulkorb-Fabrikation erwies sich nun als „alter Hut“.

Dokument von Johann Reischl

Ab 1880 verlegte sich Johann Reischl ganz auf den lukrativeren Wohnungsbau. Zunächst wurde die Pranckhstraße als erste Querstraße zur Alzgerner Straße hin eröffnet, die nach der Projektierung eigentlich mit der Neuöttinger Straße verbunden werden sollte, baulich aber nicht zustande kam. Trottoirisierung und Anschluss an die neue Hochdruckwasserleitung waren damals Ausdruck luxuriösen Wohnens.

Eine deutliche Aufwertung der Wohnqualität erfuhren die drei Reischl-Häuser in der Kapuzinerstraße 15 a, b und c, erbaut um die Jahrhundertwende. Den absoluten Höhepunkt, aber auch Schlusspunkt setzte der Bauunternehmer Reischl in den Jahren 1903/1904 mit seinem Villenensemble in der ihm schon zu Lebzeiten gewidmeten Reischlstraße 1, 3 und 5, echten „Perlen“ des Jugendstils, verziert mit Erkern, Giebeln und Türmchen. Doppelwalmdächer suggerierten einen „Hauch von Klein-Paris“ im damals noch biedermeierlichen Altötting.

Altes Haus von Johann Reischl

Jede der drei Villen hat eine besondere Geschichte:
Hs.-Nr. 1 (heute Parkplatz) gehörte dem Elisabethenverein für ambulante Krankenpflege.
Hs.-Nr. 3 war kurzzeitig die Wohnung des Langbehn-Biographen Momme Nissen.
In der schönsten Villa Hs.-Nr. 5 residierte Johann Reischl. Nach seinem Tod ging sie an Tochter Josephine Benger über. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das Haus von der NSDAP-Kreisleitung belegt. 1955 erwarb Engelbert Hayduk das Gebäude als Arztpraxis. Anfang der 1960er Jahre wurde es im Zuge des Ausbaus der Bahnhofstraße abgerissen. 

Altöttings erster „Baulöwe“, Johann Reischl, starb als Rentner am 26. Mai 1911 an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Ehefrau Martha folgte ihm ein Jahr später ins Grab. 

 

Fotos:

(1)
Johann Reischl. Die seltene Aufnahme stammt aus dem Jahr 1910.
Foto: Fotostudio Strauß

(2)
Unser Bild zeigt eine Annonce aus dem Öttinger Anzeiger ca. 1872.
Quelle: Stadtarchiv

(3) 
Die Reischlstraße im ursprünglichen Zustand Anfang der 60er Jahre
Foto: Fotostudio Strauß